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Soziale Ungerechtigkeit als Fluchtursache

14.03.2010
Welche Perspektiven bietet Afrika den Menschen? (Bild: AP Archiv)Welche Perspektiven bietet Afrika den Menschen? (Bild: AP Archiv)

Vor den Toren Europas?

Das Potenzial der Migration aus Afrika

Von Susanne Schmid, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Nürnberg

Der afrikanische Kontinent zählt seit Kurzem eine Milliarde Menschen. Das wirft sorgenvolle Fragen auf: Unter welchen Bedingungen werden Afrikaner leben? Wird der Kontinent ausreichend Existenzgrundlagen bieten oder werden viele zur Abwanderung gezwungen sein oder Afrika überhaupt verlassen wollen? Es stellt sich besonders die Frage nach dem so genannten Migrationspotenzial.

Was heißt Migrationspotenzial? Es bezeichnet die Abwanderungswilligen einer Region, die sich vor Ort keine Erfüllung von Lebenszielen versprechen und nur auf einen günstigen Zeitpunkt warten, um in eine aussichtsreichere Region zu gelangen. Dieses Potenzial entsteht immer aus einer Entwicklungs- und Wohlstandsdifferenz gegenüber Nachbarregionen und anderen Kontinenten.

Mit der Abwanderungsregion Afrika und der Zielregion Europa stehen sich sozio-ökonomisch, politisch und kulturell kontrastierende Räume in nächster Nähe gegenüber.
Die am besten dokumentierte Entwicklungsdifferenz ist die demographische. Im Jahre 2009 hat die afrikanische Bevölkerung die Milliardengrenze überschritten und wird aufgrund ihres hohen Wachstumstempos bis 2050 die zweite Milliarde erreicht haben. Grund hierfür sind die höchsten Geburtenzahlen der Welt von durchschnittlich 4,6 Kindern je Frau. Auch sind 41 Prozent der Afrikaner jünger als 15 Jahre.

Diese demographische Entwicklung auf ertragsarmem Grund und Boden allein wäre schon ein Grund für Abwanderung, doch sie steht außerdem in problematischer Wechselwirkung mit wirtschaftlichen und politischen Mangelfaktoren. Es wird geschätzt, dass 55 Prozent der erwerbstätigen Afrikaner höchstens 1 US-Dollar täglich zum Leben haben.

Ein Kontinent, der nur geburtenstarke Jahrgänge kennt und eine schwache Wirtschaft, wird die Heranwachsenden nicht im nötigen Umfang ausbilden und in Arbeit bringen können. Die Zahl der Menschen im Erwerbsalter wächst und somit diejenigen, die selbst für Arbeit in der heimischen Schattenwirtschaft dankbar sind, die in einer afrikanischen Nachbarregion nach Arbeit suchenoder nach Europa auswandern möchten.

Das Migrationspotenzial Afrikas dürfte aus politischen Gründen steigen, weil sich gerade auf diesem Kontinent Regierungsversagen, innere Machtkämpfe, politische Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen häufen. In absehbarer Zeit ist keine Abnahme der innerafrikanischen Konflikte und der daraus hervorgehenden Flüchtlingsbewegungen zu erwarten. Eine schnell voranschreitende Demokratisierung der zumeist autoritären afrikanischen Regimes und eine rasche Stabilisierung zerfallender und zerfallener Staaten sind ebenfalls nicht absehbar.

Auch in der Klimadebatte gerät Afrika häufig ins Blickfeld. Es ist zwar der Kontinent mit den geringsten CO2-Emissionen, wird aber vom Klimawandel – so alle Voraussagen – am härtesten getroffen werden. Klimawandel und wachsender Bevölkerungsdruck auf natürliche Ressourcen wie Wasser und Boden werden extreme Wetterphänomene, Wassermangel und die Erosion der Böden verstärken. Das Schwinden natürlicher Existenzgrundlagen wird immer mehr Menschen betreffen und zum Verlassen der angestammten Region zwingen.

Allerdings vollzieht sich ein erheblicher Teil afrikanischer Wanderung auf dem Kontinent selbst und hat nicht Europa zum Ziel. In der Europäischen Union leben derzeit mindestens 5 Millionen afrikanische Staatsbürger. Nach den bisherigen Erkenntnissen werden Frankreich, Italien und Spanien die bevorzugten Zuwanderungsländer bleiben. In diesen drei Staaten leben jeweils zwischen 800.000 und 1,5 Mio. afrikanische Staatsangehörige, der jährliche Zuzug liegt bei jeweils 80.000 bis 140.000 Personen.

Irreguläre Grenzüberschreitungen, Menschenschmuggel und Menschenhandel sind Gegenstand großer Besorgnis in der Europäischen Union. Erschütternde Fernsehbilder von in Seenot geratenen Bootsflüchtlingen sprechen für sich. Dabei finden irreguläre Grenzübertritte auf dem Weg nach Europa bereits auf afrikanischem Boden statt.

Nach internationalen Schätzungen sollen in den letzten Jahren mindestens 70.000 Afrikaner jährlich die Sahara in Richtung der Maghreb-Staaten durchquert haben, um von dort aus nach Europa überzusetzen. Schätzungen besagen, dass jährlich rund 830.000 Personen – mit und ohne die Hilfe von Schleusern – irregulär in die EU migrieren – davon rund 120.000 über das Mittelmeer.

Was kommt auf Deutschland zu? Die Analysen ergeben, dass das Migrationspotenzial und die tatsächliche reguläre Zuwanderung aus Afrika auf vergleichsweise niedrigem Niveau von 20.000 bis 35.000 Zuzügen pro Jahr verbleiben dürfte. Doch die Aufgaben Deutschlands angesichts der Gesamtsituation sind beträchtlich.

So lange das Wohlstandsgefälle zwischen Europa und Afrika so erheblich bleibt, wird auch der Zuwanderungsdruck auf die Europäische Union insgesamt wachsen, denn die Last werden die südlichen Mittelmeerstaaten der EU nicht länger alleine tragen wollen. Und das wird den Handlungsdruck auf die EU-Instanzen erhöhen. Die EU muss ihre Migrationspolitik so gestalten, dass die vielen heranwachsenden Afrikaner Lebensperspektiven in ihrer eigenen Region finden.

Den Forschungsbericht “Vor den Toren Europas? Das Potenzial der Migration aus Afrika” finden Sie hier.

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/lesart/1142610/

Broschüre des Bundesinnenminsteriums: http://www.bmi.bund.de/cae/servlet/contentblob/872076/publicationFile/54527/migration_afrika.pdf

Vor den Toren Europas? Das Potenzial der Migration aus Afrika

Datum27.01.2010
Bestellnummer:FFFB07
TypForschungsbericht

Vor den Toren Europas?

 Die Studie “Vor den Toren Europas? Das Potenzial der Migration aus Afrika” liefert eine aktuelle und ausführliche Analyse der Faktoren, die auf dem afrikanischen Kontinent zukünftige Migrationen auslösen können.

Nach einer kurzen Einbettung des Begriffs Migrationspotenzial in migrationstheoretische Ansätze, werden vier Aspekte beleuchtet: 1) die demographischen Strukturen des afrikanischen Kontinents im Vergleich zu Europa, 2) die Entwicklung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt, 3) politische Faktoren wie Regierungsformen und Konflikte, sowie 4) umweltrelevante Faktoren wie z.B. Auswirkungen des Klimawandels.

Die Ergebnisse werden in Bezug gesetzt zu den aktuellen regulären und irregulären Migrationsbewegungen zwischen Afrika und Europa sowie den bereits hier lebenden afrikanischen Bevölkerungen. Vor dem Hintergrund dieser Analysen der Entwicklung des Migrationspotenzials erfolgt eine qualitative Einschätzung der möglichen zukünftigen Migrationen innerhalb Afrikas, nach Europa und nach Deutschland.

Verfasserin der Studie: Susanne Schmid

http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Forschungsberichte/fb07-vor-den-toren-europas.html

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Wirbel um Angola

Eine Entschuldigung für die Rechtsstaatlichkeit

Thomas Fischer, Lissabon ⋅ Früher waren es die Angolaner, die in Portugal der Armut daheim entkommen wollten. Heute stehen Portugiesen, die auf Arbeitsvisa für Angola hoffen, in Lissabon geduldig in der Schlange vor dem Konsulat von Portugals ölreicher früherer Kolonie. Ohne betuchte Kunden aus Angola müssten manche Luxusläden an Lissabons Avenida da Liberdade womöglich schliessen. Für Aufsehen sorgen in Portugal die angolanischen «Einkäufe» bei Banken und Bauunternehmen, in der Energiewirtschaft, im Telekomsektor und bei den Medien.

Investoren will Portugal bei Laune halten, auch wenn sie aus Ländern mit verbreiteter Korruption kommen und in Portugal an Delikten wie Geldwäsche beteiligt sein könnten. Für Portugals Aussenminister, Rui Machete, ist es offenbar peinlich, dass die Staatsanwaltschaft in Lissabon gegen einige prominente Angolaner ermittelt. Wegen eines Interviews, das er einem angolanischen Radiosender gab, fordert die Opposition nun seinen Rücktritt. Machete hatte «kleine Vorkommnisse» bedauert und betont, dass die Staatsanwaltschaft hierarchisch nicht dem Justizministerium unterstehe. Er bat dann «diplomatisch um Entschuldigung für etwas, dessen Vermeidung nicht in unserer Hand liegt». Es gehe seines Wissens ja um nichts von Belang, sondern nur um das Ausfüllen einiger Formulare und bürokratische Prozeduren.

Generalanwältin Joana Marques Vidal liess letzten Freitag verlauten, dass mehrere Verfahren mit Beschuldigten oder Beschwerdeführern aus Angola anhängig seien, aber dem Justizgeheimnis unterlägen. Zudem gelte in Portugal das Prinzip der Gewaltentrennung, belehrte sie implizit den Aussenminister. Eine Zeitung berichtete nun über eine frühere Tätigkeit von Machete für eine Anwaltskanzlei, die in anhängige Verfahren involvierte Angolaner vertrete. Ministerpräsident Passos Coelho hält derweil zum Minister. Passos denkt womöglich schon an einen geplanten Gipfel der beiden Länder, an neue Investitionen aus Angola und an Chancen für Portugiesen, denen er selbst schon zur Auswanderung geraten hat.

http://www.nzz.ch/aktuell/international/auslandnachrichten/eine-entschuldigung-fuer-die-rechtsstaatlichkeit-1.18163869

ANGOLADer neue Pulsschlag von Luanda

VON 

16. Juni 2012  12:48 Uhr
Die Models Tekasala Ma’at Nzinga und Shunnoz Fiel fotografiert von Rui TavaresDie Models Tekasala Ma’at Nzinga und Shunnoz Fiel fotografiert von Rui Tavares  |  © © Rui Tavares / Goethe-Institut Angola

Sleepless in Luanda. Vor der Pension Invicta tobt der Nachtverkehr, die Klimaanlage scheppert, Moskitos fliegen Dauerangriffe. Dazu dieses infernalische Hämmern und Wummern, das von einem Hochhaus am Kinaxixi-Platz herüberwabert. Raus aus dem nass geschwitzten Bett, nichts wie hin! Das Hochhaus: ein ausgehöhltes Betonskelett, vermüllte Korridore, Uringestank. Dann, ganz oben, 30. Etage, die Quelle der Beschallung: uma farra, ein wildes Fest, nachts um zwei.

Das Gebäude vibriert, hundert aufgedrehte Kids tanzen. Kizomba, Kuduro, Tarraxinha, Semba, was die Jugend so tanzt in Angola. Ein hüftsteifer weißer Mann sollte den Dancefloor niemals betreten. Also nur chillen, durch die Fensterhöhlen in den Abgrund schauen, warmes Cuca-Bier trinken, den fetzigen Sound aus den musseques, den Slums, hören. Der Nachwuchs der Neureichen lässt es krachen. Angola hat Öl, verdammt viel Öl. Was kostet die Welt? Luanda leuchtet.

Fotoshooting mit dem Starfotografen Rui Tavares; er hat es in die Revue Noiregeschafft, das Standardwerk über moderne Fotografie in Afrika. Wir treffen ihn in der von protzigen Wolkenkratzern umzingelten Altstadt, zwischen den letzten verwitterten Barockbauten aus der portugiesischen Kolonialära. Tekasala Ma’at Nzinga und Shunnoz Fiel, die beiden »Models«, sind schon einsatzbereit. Sie tragen Stresemann und Gummistiefel, Manschettenknöpfe mit Dollarzeichen, dazu Fliegen und Einstecktücher in den schrillsten Karnevalsfarben. »Fashionistas« nennen sie sich, aber das ist irreführend, denn ihr »Projecto Mental« will viel mehr als schnöde Modeschöpferei.

»Nach dem Bürgerkrieg geht es nicht nur um den physischen Wiederaufbau unseres Landes, sondern um die mentale Rekonstruktion«, sagt Tekasala. »Wir wollen die confusão überwinden.« Die große Verwirrung in den Köpfen nach 500 Jahren Fremdherrschaft und 30 Jahren Krieg. Es geht um die Dekolonisierung des Denkens, um die Suche nach Angolanidade, nach einer angolanischen Identität – eine Selbstfindung, die Luanda, seine Musiker, Tänzer, Schauspieler und bildenden Künstler beflügelt.

Shunnoz und Tekasala werfen sich in die Gosse. Posieren mit zerfledderten lusitanischen Geschichtsbüchern. Verwandeln die abblätternden Fassaden in vertikale Laufstege. Schließlich knüpfen sie sich mit Elektrokabeln an einer Ampel auf, direkt gegenüber dem stählernen Turm des Ölkonzerns Sonangol. Ein ironischer Kommentar zur größten Bereicherungsmaschine Angolas, in der Milliarden von Petrodollar versickern, während die Masse der Bevölkerung mausarm bleibt. So mausarm wie die Passanten, die die stilvollendete Selbsthinrichtung belustigt verfolgen. »Kleider, Mode, Bildung«, röchelt Shunnoz. Seine Zunge hängt heraus.

»Der Elite geht es nur um materielle Werte, um Luxus, um hemmungslosen Konsum«, sagt António Ole. Er ist der berühmteste Künstler des Landes, 2010, bei der Afrika-Ausstellung Who Knows Tomorrow in Berlin, türmte er eine gewaltige Containerwand vor dem Hamburger Bahnhof auf, eine Art Fetisch der globalisierten Warenwelt. Daheim muss er kämpfen. Seine wunderliche Großskulptur Mitologias II an der Marginale soll versetzt werden, das wurmt ihn. Gleichzeitig aber öffnet Angolas schneller Reichtum der Kunst neue Horizonte, man muss nur Fernando Alvim besuchen, in dessen Privathaus tausend Initiativen zusammenlaufen. 2006 stellte er die erste Triennale in Luanda auf die Beine, momentan plant er das erste Museum für zeitgenössische Kunst in der Sieben-Millionen-Metropole. »Damit Afrikaner endlich auch von Afrikanern gesehen werden können.«

Alvim ist ein Ereignis, Künstler, hyperaktiver Kulturmanager, kettenrauchend, immerzu auf höchster Betriebstemperatur, vulcanissimo sozusagen. Der Westen verliere sein Monopol, er habe als globale Leitkultur, Deutungsmacht und Entwicklungmodell ausgedient, postuliert er. »Die innovativen Impulse kommen aus Afrika, Brasilien, Fernost und der afroamerikanischen Welt.« Das ist dieser Tage in allen Kulturmetropolen des Kontinents zu spüren, in Lagos, Cotonou oder Johannesburg. Und ganz besonders im ölbesoffenen Luanda, das sich gerade neu erfindet – und seine alte Kultur wiederentdeckt. Zum Beispiel die Oldstars der postkolonialen Frühphase, África Ritmos, Os Kiezos oder Jovens Do Prenda, die gerade mit einer CD auferstanden sind: eine Mischung aus Kongo-Rumba, karibischem Merengue, kubanischen Grooves und psychedelischen Gitarrenriffs –lusotropicalismo pur.

Noch eine schlaflose Nacht, es rauscht und pocht im Kopf. Der Pulsschlag von Nova Luanda. Auf den Wolkenkratzern sieht man die schwarzen Engel tanzen, die José Eduardo Agualusa in seinem fulminanten Luanda-Krimi beschreibt. Im Musikclub Dom Q glitzern die Black Diamonds, die Kids der Reichen und Steinreichen, die in diesen turbulenten Tagen Konzerne und Banken in Portugal aufkaufen – eine Demütigung für die bankrotte Exkolonialmacht, von der in Angola nur noch die Sprache mächtig ist. »Wir werden bald Hilfsprogramme für das arme Europa auflegen«, spottet einer.

http://www.zeit.de/2012/24/Kulturszene-Angola-Luanda