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Economic reasons for fleeing Africa

Kakaoproduktion und die Lust auf Schokolade

Heiss auf die braune Bohne

Rohstoffe Dossier: Börsen und Märkte auf der Achterbahn Samstag, 5. Oktober
Säcke voll Kakao warten in San Pedro in Côte d'Ivoire auf den Abtransport.
Säcke voll Kakao warten in San Pedro in Côte d’Ivoire auf den Abtransport. (Bild: Reuters / Thierry Gouegnon)
Seit einem Jahr übersteigt die Nachfrage nach den bitteren Kakaobohnen, aus denen süsse Naschereien hergestellt werden, die Produktion. Das hat den Preis hochgetrieben. Derweil wird über eine weitere Konzentration des Marktes spekuliert.
Heidi Gmür, Sydney

Es ist ein süsses Versprechen, das sich der Schweizer Konzern Barry Callebaut von der EU-Kommission im September amtlich bewilligen liess – dass nämlich der Genuss von Kakao-Flavanolen helfe, «die Elastizität der Blutgefässe aufrechtzuerhalten», und damit «zu einem normalen Blutfluss» beitrage. Verwenden darf das Unternehmen die Aussage freilich nur für Produkte, die tatsächlich die Aufnahme dieses pflanzlichen Wirkstoffes gewährleisten. Das kann zumindest das Gewissen von Liebhabern dunkler Schokolade mit hohem Kakaoanteil beruhigen – Milchschokolade macht demnach weiterhin eher rund als gesund – und verschafft Barry Callebaut, dem weltweit grössten Verarbeiter von Kakao, einen Wettbewerbsvorteil.

Afrika versorgt Europa

Die Konsumenten rund um die Welt haben jedoch nicht auf das offizielle Verdikt aus Brüssel über das seit längerem bekannte Flavonole-Phänomen gewartet. Das Kakao-Geschäft floriert ohnehin. Das amerikanische Landwirtschaftsdepartement schätzt den weltweiten Wert des Detailhandelsmarktes für verarbeitete Schokolade derzeit auf 107 Mrd. $ pro Jahr – bis 2017 soll er auf 143 Mrd. $ anwachsen. Als Faktoren nennt das Departement steigende Verkäufe rund um festliche Ereignisse wie etwa den Valentinstag und auch die stetig wachsende Mittelschicht in Schwellenländern wie Brasilien oder China. Während der grösste Teil des Bedarfs nach wie vor durch lokale Schokoladeproduktion gedeckt wird, hat sich das globale Handelsvolumen von 5 Mrd. $ im Jahr 2007 immerhin auf 7,7 Mrd. $ im Jahr 2012 gesteigert.

Bedeutender ist der internationale Handel mit der Rohware Kakao. Produziert werden Kakaobohnen mehrheitlich von kleinen Bauern in den westlichen Ländern Afrikas; auf diese Region entfallen über 70% der Gesamtproduktion, wobei Côte d’Ivoire und Ghana mit Abstand die wichtigsten Herkunftsländer sind. Aus Lateinamerika, vor allem aus Brasilien und Ecuador, stammen rund 15% der Bohnen. Eine zentrale Rolle spielt auch Indonesien mit einem Anteil von über 10%.

Zirka 40% der Bohnen werden in europäischen Ländern weiterverarbeitet, je zirka 20% in Amerika, Afrika und Asien. Nur zwei Fünftel werden im Ursprungsland zu Zwischenprodukten wie Kakaopulver und Kakaobutter veredelt. Der Endkonsum konzentriert sich noch stärker auf industrialisierte Staaten. So entfiel nach Angaben der International Cocoa Organisation etwa die Hälfte des weltweiten Konsums im Jahr 2011/12 auf Europa (mit Russland). Nordamerika kommt auf gut 20%. Der Anteil von Asien und Ozeanien beträgt 15%, wovon wiederum ein Viertel allein auf Japan entfällt, das damit mehr konsumiert als ganz Afrika. Asien und Afrika verzeichnen indes höhere Wachstumsraten als die traditionellen Märkte, wenn auch auf tiefem Niveau.

Gute Performance

Im Aufwärtstrend befand sich in den letzten Monaten auch der Preis der Kakaobohnen. Der Terminkontrakt, der in London gehandelt wird, kostet derzeit rund 1670 £ (pro Tonne Kakaobohnen) und jener in New York knapp 2600 $ je t, wobei im Kakaohandel – anders als in den meisten Rohwarenmärkten – das britische Pfund als Leitwährung gilt. Die Preissteigerung seit Anfang des Jahres beträgt rund 17%, jene seit einem temporären Tief im März gar über 22%. Laut dem Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg wies Kakao damit innerhalb des Ressourcenindexes GSCI von Standard & Poor’s nach Erdöl die beste Performance auf. Der Preis für Kaffee, zum Vergleich, befindet sich auf stetem Sinkflug und hat seit Anfang des Jahres um über 22% nachgegeben.

Der Grund für den steigenden Kakaopreis liegt in der wachsenden Nachfrage, die das – nicht zuletzt durch Wettereinflüsse beeinträchtigte – Angebot seit einem Jahr übersteigt. Für das im Oktober gestartete neue Erntejahr erwarten Marktbeobachter eine weitere Angebotsverknappung.

Während der Preis sich im vergangenen Monat stabilisiert hat, schliesst die International Cocoa Organisation nicht aus, dass es in den nächsten Jahren – bei sinkenden Lagerbeständen – zu einem steilen Preisanstieg kommen könnte, wie man ihn zuletzt in den 1970er Jahren gesehen hat; darauf folgte ein heftiger Preiszerfall. Für Preisvolatilität können nebst klimatischen Faktoren aber auch politische Krisen sorgen, wie etwa Anfang 2011 jene in Côte d’Ivoire.

Weitere Konzentration?

Von sich reden macht Schokolade derzeit auch durch Übernahmegerüchte im Grosshandelsbereich. Nachdem Barry Callebaut sich im Dezember das Kakao-Geschäft der in Singapur basierten Petra Foods einverleibt hatte und damit zum weltweit grössten Kakao- und Schokoladehersteller wurde, wird über einen weiteren Konzentrationsschritt spekuliert, der den Schweizer Konzern den Podestplatz kosten würde. Demnach soll, wie die Nachrichtenagentur Reuters diese Woche meldete, der amerikanische – nicht börsenkotierte – Rohwarenhändler Cargill kurz vor der Übernahme der Kakao-Sparte des ebenfalls amerikanischen Konzerns Archer Daniels Midland (ADM) stehen.

Barry Callebaut beherrscht derzeit rund ein Viertel der industriellen Kakao-Verarbeitung. Cargill, im Moment auf Platz 2, käme mit der erwähnten Übernahme auf einen noch grösseren Marktanteil. Über die Hälfte des weltweiten, auch vertikal stark integrierten Marktes wäre damit in den Händen von zwei Konzernen.

Zu den führenden Anbietern auf der Stufe der schokoladenen Endprodukte gehören laut der International Cocoa Organisation der US-Konzern Mars, Mondelez International (USA), Barcel (Mexiko), der Schweizer Konzern Nestlé und der japanische Hersteller Meiji. Fast vernachlässigbar klein ist der als «Fair Trade» zertifizierte Handel, der Kleinbauern in Afrika einen höheren Abnahmepreis garantiert. Er macht nur 0,5% der gesamten Kakao-Produktion aus. Einen noch kleineren Anteil verzeichnet der biologische Anbau.

http://www.nzz.ch/finanzen/rohstoffe/uebersicht/die-globale-kakaoproduktion-hinkt-der-wachsenden-lust-auf-schokolade-hinterher-1.18162268

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