Als die europäischen Mächte Afrikaner aus Afrika holten und in die von ihnen beherrschten Gebiete brachten: Von 1519 bis 1867 wurden insgesamt zwölf Millionen und mehr Afrikaner über den Atlantik gebracht, um dann vor allem als Feldarbeiter bei der Produktion von Zucker, Kaffee, Tabak, Reis, Indigo und Baumwolle eingesetzt zu werden. Andere wurden in die Gold- und Silberminen Südamerikas verschickt. Es war die bei weitem größte Zwangsmigration der Weltgeschichte. Da die Sklaven der Neuen Welt fast alle aus Afrika stammten, förderte die Sklaverei eine abschätzige Sicht auf alles Afrikanische und schuf die Voraussetzungen für den Rassismus, der noch heute unsere Gesellschaften prägt. Umgekehrt beförderte die Auseinandersetzung mit der Sklaverei den Freiheits- und Gleichheitsdiskurs der Aufklärung. Das kann man als das doppelte Paradox der Geschichte des Sklavenhandels bezeichnen. Bis heute heiß umstritten ist die Frage, ob die Gewinne aus Sklavenhandel und Plantagen die Industrielle Revolution in Großbritannien finanziert haben. Unbestritten ist, dass die Sklaverei große Vermögen begründete, Massenmärkte für billige Industriewaren schuf und dass auf den Plantagen eine fabrikähnliche Form der Arbeitsorganisation entwickelt wurde. Nicht minder kontrovers werden die Folgen des Sklavenhandels für Afrika debattiert. Afrikaner, welche die Kolonialherrschaft noch selbst erlebt hatten, neigten dazu, die afrikanischen Gesellschaften als Opfer fremder Einflussnahme zu sehen. Den transatlantischen Sklavenhandel interpretierten sie als ersten Schritt in die Unterentwicklung, weil er ganze Regionen entvölkert und afrikanische Herrscher zu Menschenjagden und Kriegen veranlasst habe. Dass Afrika mit dem Sklavenhandel viele seiner fähigsten Menschen verlor, steht außer Zweifel. Die historische Demographie weist große Verluste in einzelnen Regionen und darüber hinaus eine Stagnation der Gesamtbevölkerung in der Zeit von 1750 bis 1850 aus, während auf anderen Kontinenten damals eine Phase des demographischen Wachstums begann. Umgekehrt hat aber ein besseres Verständnis der Bedingungen afrikanischer Politik die Forscher zu der Einsicht geführt, dass verschiedene Staaten und deren Herrscher vom Sklavenhandel profitierten. Allerdings ist auch in Afrika die Herkunft aus einer Sklavenfamilie bis heute vielerorts mit einem Stigma behaftet. Aber anders als in der westlichen Moderne bedeutete Freiheit in Afrika nicht Unabhängigkeit, sondern Zugehörigkeit. Frei konnte sich nur fühlen, wer zu einer der Verwandtschaftsgruppen gehörte, die den Zugang zu Land regeln und kontrollieren. Die Abolition erfolgte nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus politischen und moralischen Gründen. Anders als die Marxisten dachten, steht der Kapitalismus keineswegs in einem grundlegenden Gegensatz zur Sklaverei. Vielmehr zeigt die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels, wohin die Reise gehen kann, wenn Marktkräften freier Lauf gelassen wird.

Sklaverei, der soziale Tod – vom Sklavenhandel nach Amerika

Sklavenhandel von Klauser

Der Sklavenhandel aus Afrika nach Amerika war die größte Zwangsverschleppung der Geschichte

 Dreieinhalb Jahrhunderte lang wurden Afrikaner über den Atlantik in die Sklaverei verkauft. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts galt dieser Handel als ganz normales Geschäft. Es bedeutete für Afrika einen enormen Aderlass an Menschen und half, in Europa einzelne große Vermögen anzuhäufen und einen Massenmarkt zu schaffen. Weder die Industrielle Revolution in Europa noch die Kriege innerhalb Afrikas können jedoch vorwiegend auf den Sklavenhandel zurückgeführt werden. Auch dürfen die Sklaven nicht als passive Opfer gesehen werden: Sie haben ihr Zusammenleben und sogar das Verhältnis zu ihren Herren mit gestaltet.

 von Albert Wirz

Sklaverei und Sklavenhandel gelten heute als eines der größten Verbrechen der Menschheit. Sie rufen Bilder von unsäglichem menschlichem Leid, von Opfer, Folter und Tod hervor, geweckt vielleicht durch Zeugnisse wie den Erlebnisbericht von Swema. Swema, ein Mädchen aus dem Gebiet der Yao im heutigen Malawi, war um 1860 in die Hände von Sklavenhändlern geraten. Ihre von Jahren des Hungers ausgezehrte Mutter musste auf dem Marsch zur ostafrikanischen Küste eine so schwere Last buckeln, dass sie unterwegs zusammenbrach und am Wegrand einen qualvollen Erschöpfungstod starb. Swema überstand die Reise. Als sie in Sansibar ankam, war sie jedoch so ausgemergelt, dass ihr Besitzer sie kurzerhand in einen Graben am Rande eines Friedhofs werfen ließ. Das Schreien der Schakale machte einen Passanten auf sie aufmerksam. Er rettete die Todgeweihte und brachte sie zu den französischen Patres in der Stadt, welche Swema bei sich aufnahmen.

Swemas Geschichte war einst Teil christlicher Missions- und Propagandaliteratur im Kampf gegen den Sklavenhandel in Ostafrika und schildert ein Einzelschicksal. Darüber hinaus zeigt sie aber grundlegende Charakterzüge dessen auf, was Versklavung und Sklaverei bedeuteten: eine Reise in den Tod – in den physischen oder doch den sozialen Tod. Denn die Versklavung bedeutete stets ein Herausreißen aus allen sozialen Bezügen. Sklaven sind Menschen, die außerhalb des jeweiligen Gesellschaftsvertrages gehalten werden, denen fast alle Rechte vorenthalten werden. Es sind Menschen ohne Verwandtschaft und ohne Ehre, Objekte und nicht Subjekte des Rechts, betrachtet als Fremde und Besitz. Der aus Jamaika stammende, in Harvard lehrende Soziologe Orlando Patterson hat dafür den Begriff des sozialen Tods geprägt. Das ist meines Erachtens die beste Definition der Sklaverei und die einzige, die sowohl das Wesen der Plantagensklaverei als auch der Sklaverei in afrikanischen und anderen nicht westlichen Gesellschaften umreißt.

Die Geschichte von Swema verschweigt allerdings, dass Sklaverei bis zur Abschaffung des Sklavenhandels (Abolition) durch Großbritannien im Jahre 1807 ein Geschäft wie jedes andere war. Ihre wohl ausbeuterischste Form erlangte die Sklaverei in den Plantagenkolonien der Neuen Welt. Von 1519 bis 1867 wurden insgesamt zwölf Millionen und mehr Afrikaner über den Atlantik gebracht, um dann vor allem als Feldarbeiter bei der Produktion von Zucker, Kaffee, Tabak, Reis, Indigo und Baumwolle eingesetzt zu werden. Andere wurden in die Gold- und Silberminen Südamerikas verschickt. Es war die bei weitem größte Zwangsmigration der Weltgeschichte.

Doch Formen von Sklaverei finden sich in vielen historischen Gesellschaften: im frühen Mesopotamien und im pharaonischen Ägypten ebenso wie im alten China, in Korea, in Indien, im deutschen ebenso wie im russischen Mittelalter, von den Hebräern bis zu den Azteken und Cherokesen. Sklaven gehörten in den italienischen Stadtstaaten bis ins 14. Jahrhundert hinein zum Alltag, auf der iberischen Halbinsel gar bis zum 16. Jahrhundert. Viele waren Muslime, andere stammten aus dem Schwarzmeergebiet. Christliche Seeleute gerieten in nordafrikanische Sklaverei.

Eigentliche Sklavengesellschaften, in denen Sklaven die Bevölkerungsmehrheit bildeten und mit ihrer Arbeit die Wirtschaft als ganze stützten, gab es hingegen nur fünf: zwei in der Antike (Griechenland und Rom), drei in der Neuzeit (Brasilien, die Karibik und die amerikanischen Südstaaten). Das Besondere an den Sklavengesellschaften der Neuen Welt liegt nicht allein darin, dass sie Sklaven besonders stark ausbeuteten, sondern auch darin, dass sie sich zur gleichen Zeit herausbildeten, als sich in Europa – und hier vor allem in Großbritannien – die Idee der freien Arbeit Bahn brach. An die Stelle von Herren und Knechten mit unterschiedlichen Rechten trat in Europa das Gespann Arbeitgeber und Arbeitnehmer als gleichberechtigte Rechtssubjekte. Das ist eine wesentliche Errungenschaft der bürgerlichen Moderne.

Wie war es dann möglich, dass zur selben Zeit in den Kolonien die Sklaverei so breiten Raum einnehmen konnte? Diese Frage hat schon die Zeitgenossen bewegt. Sie stand auch lange Zeit im Zentrum der Forschung. Gefangen in ihrem Geschichtsbild, das in der Antike und im Mittelalter nur eine Vorgeschichte der Neuzeit sah, tendierte die Forschung anfänglich dazu, Sklaverei als Übergangsstadium in einem universellen Entwicklungsprozess zu interpretieren. Hegel sah in der Sklaverei so etwas wie eine Form der Entwicklungshilfe für Afrikaner. Klassische Sozialwissenschaftler von Adam Smith bis Max Weber interpretierten die Sklaverei als Zeichen der Rückständigkeit. Marxisten wurden noch deutlicher: Sie postulierten eine Abfolge von Urgesellschaft, Sklaverei, Feudalismus, Kapitalismus und Kommunismus. Sklaverei und Kapitalismus waren folglich Gegensätze, desgleichen Sklaverei und marktwirtschaftliches Denken, Sklaverei und technischer Fortschritt. Aber waren die amerikanischen Südstaaten nicht Teil der ersten modernen Nation?

Bei der Erforschung der atlantischen Sklavengesellschaften lag das Hauptaugenmerk zu Anfang auf der Institution der Sklavenplantage. Man sah darin ein geschlossenes System allgemeiner Gewalt und totalitärer Kontrolle, dessen Auswirkungen ebenso entmenschlichend waren wie Nazi-Konzentrationslager. Von daher wurden die Sklaven vor allem als Opfer grausamer Sklavenhalter beschrieben – unterernährt, ohne Familie, mit der Peitsche zur Arbeit getrieben, behandelt wie Vieh, verkauft wie Vieh, gezüchtet wie Vieh.

Es ist das große Verdienst des amerikanischen Sozialhistorikers Eugene D. Genovese, dieses Bild zurecht gerückt zu haben. Als Marxist hielt Genovese zwar an der Idee fest, dass die Sklavenhalter eine vorkapitalistische Klasse bildeten. Er konnte jedoch zeigen, dass die Sklaven, obschon Opfer der Willkür und ihrer Freiheit beraubt, keineswegs willenlose Menschen waren. Sie erstritten sich mit Hartnäckigkeit und Schlauheit viele Freiheiten und veränderten sogar das System als Ganzes. Genovese erkannte, dass die Sklaven ihre Eigner dazu brachten, ihre Menschlichkeit anzuerkennen und auch Pflichten zu übernehmen. Das Resultat sei ein paternalistisches System mit einem gewissen Maß an Reziprozität gewesen.

Man darf diese Beschreibung keinesfalls verallgemeinern. Sie zeigt eine Möglichkeit neben anderen auf. Trotzdem haben Genoveses Arbeiten bleibende Bedeutung. Dies vor allem deshalb, weil er die Sklaven nicht nur als Opfer, sondern als historische Subjekte ansah und ihnen so einen Teil jener Würde zurückgab, welche ihnen das System der Sklaverei genommen hatte. Zudem machte Genovese deutlich, dass Sklaverei weniger einen festen Rechtsstatus bezeichnet als einen Prozess, in dem immer wieder neu um Rechte und Pflichten gerungen wird. Dieser Prozess reicht von der Versklavung über das Leben in Sklaverei bis zur möglichen, aber keineswegs sicheren sozialen Wiedereingliederung durch Flucht, Freisetzung oder Freikauf.

Unter dem Einfluss der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung wurden das Leben, die Kultur und der Widerstand von Sklaven zu Forschungsfeldern. Eine wichtige Erkenntnis war, dass die Sklaven auf den Plantagen allen Schwierigkeiten zum Trotz Familien gründeten, Verwandtschaftsnetze pflegten und sich zur Selbsthilfe zusammenschlossen. Mit die größte Autonomie errangen die Sklaven in religiösen Belangen. Aus christlichen und afrikanischen Traditionen schöpfend, entwickelten sie eine ausgesprochen vielfältige religiöse Kultur mit Gesang und Tanz als zentralen Elementen eines künstlerischen Schaffens, das Sakrales und Profanes, Alltag und Fest verband.

Was die Frage des Widerstandes betrifft, galt es damit zurecht zu kommen, dass außer in Haiti nirgends Sklaven aus eigener Kraft ein Ende der Sklaverei herbei zu führen vermochten. Umso prägender wurde die Einsicht, dass Widerstand vielfältige Formen annehmen kann, von herausforderndem Tanzen und Reden über Schlendrian, Traditionspflege und Flucht bis zu Brandstiftung und Verschwörung. An den Rändern der Kolonien bildeten sich zudem vielerorts sogenannte Maroon-Gesellschaften, Gesellschaften von entflohenen Sklaven. Am bedeutendsten war das Königreich Palmares im Hinterland von Pernambuco. In Surinam behaupteten sich die Saramaka während hundert Jahren gegen die Holländer.

Ein weiterer Wendepunkt in der Erforschung der Sklaverei war Philip D. Curtins 1969 vorgelegter Zensus des transatlantischen Sklavenhandels. Als einer der ersten hatte er Massenquellen wie Kaufverträge und Schiffslisten untersucht und statistische Methoden angewandt. Seither verfügen wir über glaubhafte Angaben zum Ausmaß des transatlantischen Sklavenhandels. Weitere quantitative Arbeiten haben deutlich gemacht, dass der Sklavenhandel wie die Plantagenwirtschaft den Gesetzen von Angebot und Nachfrage folgten. Robert William Fogel and Stanley L. Engerman haben zudem gezeigt, dass die Plantagenbesitzer in den Südstaaten der USA als Unternehmer handelten und auch mit Belohnungen arbeiteten. Sie meinten sogar, dass die Sklaven in Bezug auf Ernährung, Kleidung, Unterkunft und Lebenserwartung besser gestellt waren als viele Bauern und Arbeiter in Europa und in Amerika.

Und die Plantagen blieben bis zum Schluss profitabel. Die Abolition erfolgte nicht aus wirtschaftlichen, sondern aus politischen und moralischen Gründen. Anders als die Marxisten dachten, steht der Kapitalismus keineswegs in einem grundlegenden Gegensatz zur Sklaverei. Vielmehr zeigt die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels, wohin die Reise gehen kann, wenn Marktkräften freier Lauf gelassen wird.

Bis heute heiß umstritten ist die Frage, ob die Gewinne aus Sklavenhandel und Plantagen die Industrielle Revolution in Großbritannien finanziert haben. In einem einflussreichen Buch hat Eric Williams 1947 genau das behauptet. Diese “Williams-These” wurde zu einem zentralen Argument der Dependenztheorie, der zufolge die Entwicklung Europas und die “Unter-Entwicklung” Asiens, Afrikas und Lateinamerikas sich gegenseitig bedingten. Neuere Forschungen haben jedoch gezeigt, dass die Profite der Sklavenwirtschaft langfristig geringer waren, als man früher angenommen hatte, und dass andere Formen der Kapitalbildung wichtiger waren. Unbestritten aber ist, dass die Sklaverei große Vermögen begründete, Massenmärkte für billige Industriewaren schuf und dass auf den Plantagen eine fabrikähnliche Form der Arbeitsorganisation entwickelt wurde.

Noch wichtiger aber waren die Auswirkungen im Bereich der Ideen und der Ideologie. Da die Sklaven der Neuen Welt fast alle aus Afrika stammten, förderte die Sklaverei eine abschätzige Sicht auf alles Afrikanische und schuf die Voraussetzungen für den Rassismus, der noch heute unsere Gesellschaften prägt. Umgekehrt beförderte die Auseinandersetzung mit der Sklaverei den Freiheits- und Gleichheitsdiskurs der Aufklärung. Das kann man als das doppelte Paradox der Geschichte des Sklavenhandels bezeichnen.

Nicht minder kontrovers werden die Folgen des Sklavenhandels für Afrika debattiert. Aber auch hier beobachtet man einen Perspektivwechsel. Afrikaner, welche die Kolonialherrschaft noch selbst erlebt hatten, neigten dazu, die afrikanischen Gesellschaften als Opfer fremder Einflussnahme zu sehen. Den transatlantischen Sklavenhandel interpretierten sie als ersten Schritt in die Unterentwicklung, weil er ganze Regionen entvölkert und afrikanische Herrscher zu Menschenjagden und Kriegen veranlasst habe. Walter Rodney ging noch weiter und erklärte, die afrikanische Sklaverei an der Guineaküste sei das Resultat der Nachfrage von außerhalb Afrikas.

Dass Afrika mit dem Sklavenhandel viele seiner fähigsten Menschen verlor, steht außer Zweifel. Die historische Demographie weist große Verluste in einzelnen Regionen und darüber hinaus eine Stagnation der Gesamtbevölkerung in der Zeit von 1750 bis 1850 aus, während auf anderen Kontinenten damals eine Phase des demographischen Wachstums begann. Umgekehrt hat aber ein besseres Verständnis der Bedingungen afrikanischer Politik die Forscher zu der Einsicht geführt, dass verschiedene Staaten und deren Herrscher vom Sklavenhandel profitierten, die Kriege in Afrika aber trotzdem meist andere Ursachen hatten. Asante, Dahomey und die Stadtstaaten des Niger-Deltas gehörten zu den Staaten, welche Nutzen aus dem Sklavenhandel zogen, das Königreich Benin zu jenen, die sich vom Sklavenhandel fern zu halten versuchten. Die europäischen und amerikanischen Sklavenhändler blieben ihrerseits von örtlichen Machthabern abhängig. Nur an ganz wenigen Orten wagten sie sich über die Hafenplätze hinaus ins Landesinnere. Wie sehr sie sich afrikanischen Wünschen fügen mussten, zeigt sich auch daran, dass sie auch zahlreiche Frauen und Kinder kauften, obschon die Plantageneigner Männer bevorzugten.

Die Sklaverei war im alten, vorkolonialen Afrika weit verbreitet, und sie expandierte im 19. Jahrhundert trotz oder wegen der Abolition im Jahre 1807. In einigen Gesellschaften Westafrikas machten die Sklaven in der Folge die Hälfte der Bevölkerung und mehr aus. Vor allem im Sahel- und Savannengürtel am Südrand der Sahara kam es zu einer starken Zunahme der Sklaverei, als dort im Gefolge der islamischen Revolutionen – Eroberungszügen und Reichsbildungen unter dem Banner des Islam – die Kriegführung intensiviert und mehr und mehr Menschen versklavt wurden.

Doch die afrikanischen Formen der Sklaverei, oft als Haussklaverei bezeichnet, unterschieden sich ganz wesentlich von der Plantagensklaverei. Wie überall mussten auch in Afrika Sklaven die schwersten Arbeiten verrichten. Ihre Besitzer behandelten sie zudem als Außenseiter und Fremde. Folglich gehörten die Sklaven zu jenen, die als erste in öffentlichen Ritualen geopfert wurden. Sklaven fanden sich aber auch in hervorgehobenen Stellungen, als Händler, als Offiziere, als Hofbeamte. An anderen Orten arbeiteten die Sklaven Schulter an Schulter mit ihren Herren. Wieder an anderen Orten siedelten Sklaven in eigenen Dörfern und konnten Eigentum erwerben, was in Einzelfällen dazu führte, dass Sklaven Sklaven besaßen.

Entscheidend aber war, dass der Status des Sklaven in Afrika weniger stark fixiert war als in der Neuen Welt und dass Sklaven an vielen Orten über die Zeit hinweg von Fremden zu Quasi-Verwandten und Verwandten wurden, die nicht weiterverkauft werden durften. Frauen wurden weit häufiger versklavt als Männer, denn sie wurden nicht nur als Arbeitskräfte gesucht, sondern auch als Mütter weiterer Nachkommen.

Allerdings ist auch in Afrika die Herkunft aus einer Sklavenfamilie bis heute vielerorts mit einem Stigma behaftet. Aber anders als in der westlichen Moderne bedeutete Freiheit in Afrika nicht Unabhängigkeit, sondern Zugehörigkeit. Frei konnte sich nur fühlen, wer zu einer der Verwandtschaftsgruppen gehörte, die den Zugang zu Land regeln und kontrollieren. Ein Mensch ohne Verwandtschaft hingegen, einer, der auf sich allein gestellt war, der war eher vogelfrei – oder eben ein Sklave.


Literatur

Phillip D. Curtin: The Atlantic Slave Trade: A Census; Madison/Wisconsin 1969.

Eugene D. Genovese: The World the Slaveholders Made: Two Essays in Interpretation; New York 1971.

Eugene D. Genovese: Roll, Jordan, Roll: The World the Slaves Made; London 1975.

Paul E. Lovejoy: Transformations in Slavery: A history of Slavery in Africa; Cambridge 1983.

Walter Rodney: Afrika: Die Geschichte einer Unterentwicklung; Berlin 1975.

Albert Wirz: Sklaverei und kapitalistisches Weltsystem; Frankfurt a.M. 1984 (2. Aufl.).

aus: der überblick 01/2002, Seite 18

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