Die Dependenztheorien

Geschichte Lateinamerikas im 19. und 20. Jahrhundert
Ein historischer Überblick
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Hauptkapitel

1 Las Americas im Vergleich das “lange” 19. Jahrhundert [PDF-Version]
2 Die “Zweite Conquista” – Lateinamerika und seine Commodities [PDF-Version]
3 Die Weltwirtschaftskrise “1929” in Lateinamerika und die Herausbildung des Populismus [PDF-Version]
4 Soziale Bewegungen in Lateinamerika im 20. Jahrhundert [PDF-Version]
5 Lateinamerika im Weltsystem [PDF-Version]
6 Entwicklungsdiktaturen in Lateinamerika [PDF-Version]
7 Literatur [PDF-Version]
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Lateinamerika im Weltsystem – Zwischen Dependencia und Dissoziation
Die Weltwirtschaftskrise hatte in Lateinamerika tiefgreifende Wirkungen. Lateinamerika, das seit der Zweiten Conquista des 19. Jahrhunderts als Primärgüterlieferant aufgetreten war, wurde aus dem Weltmarkt regelrecht hinausgestoßen – mit einem Wort von außen teilweise dissoziiert. Dies führte zu einer schrittweisen Abkehr vom bis dahin dominanten exportorientierten Wirtschaftsmodell und zur Herausbildung einer neuen, binnen- und industrialisierungsorientierten Wirtschaftspolitik. Getragen wurden dieser Wandel von populistischen Regimen, welche die Herausforderung durch, teils massive, soziale Bewegungen zu beantworten wussten.Nach dem Zweiten Weltkrieg und mit dem beginnenden globalen Wirtschaftsaufschwung kam es zu einer bis dahin im Westen nicht geführten Debatte. Der Begriff Entwicklung machte die Runde. Harry S. Truman erklärte in seiner Inaugural-Rede im Jänner 1949, dass 4/5 der Welt unterentwickelt seien. Alle Länder sollten den Entwicklungsstatus der USA als Zielhorizont betrachten, die westliche Welt sollte Maßnahmen treffen, diesen Prozess zu beschleunigen. Damit war ein neuer Zweig der politischen und wissenschaftlichen Diskussion eröffnet. Die Frage nach dem Wie und Wohin von Entwicklung wird seitdem von unterschiedlichsten Strömungen auf die verschiedene Weise beantwortet.

Die Diskussionen der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika(Comisión Económica para América Latina [=CEPAL]) und die verschiedenen Strömungen der Dependencia-Schule tragen zu dieser Entwicklungsdiskussion bei. Es handelt sich dabei (abgesehen von den heute vergessenen entwicklungspolitischen Diskussionen in der Sowjetunion der 1920er Jahre) um eine der wenigen nicht-westlichen Theoriebeiträge zu diesem Thema. Darüber hinaus ist die Dependencia der einzige Theorieexport aus Lateinamerika, der weltweit und nachhaltig rezipiert wurde.

Nach dem Stalinisierungsprozess hatte sich die Entwicklungsvorstellung zuerst in der Sowjetunion und folglich in den real-sozialistischen Ländern auf die Erreichung nachholender Industrialisierung und Modernisierung nach westlichem Vorbild reduziert. Waren die Früchte dieser nachholenden Entwicklung auch egalitärer verteilt – Themen wie fortdauernde Entfremdung, demokratische Partizipation, Mensch-Natur-Beziehung, historisch gewachsene strukturelle Deformationen in der Ökonomie, gerechte internationale Austauschverhältnisse etc. waren nicht mehr Teil der offiziellen marxistisch-leninistischen Diskussion.

Während die CEPAL einen reformorientierten und eklektischen Zugang zur Frage “Warum Unterentwicklung und wie sie überwinden?” entwarf, belebte die Mitte der 1960er Jahre entstandenen Dependencia-Theorien das marxistische Erbe neu. Den weitreichendsten Horizont in den inhaltlich heterogenen Dependencia-Theorienbildete die Forderung nach einer sozialen Revolution und der vollständigen Dissoziation (Abkoppelung) vom Weltmarkt.

Dieser Abschnitt versucht sich dem Thema Lateinamerika im Weltsystem vor allem theoriegeschichtlich zu nähern. Die Comisión Económica para América Latina(=CEPAL) und die Dependencia-Schulen stehen dabei im Zentrum.

down 5.1 Die Comisión Económica para América Latina (=CEPAL)
down 5.2 Die Dependencia-Schule
down 5.3 Immanuel Wallerstein und die Weltsystemtheorie – die Erweiterung zum globalen Blick
5.1.1 Die Entstehungsbedingungen der CEPAL
Die unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise entstandene neue Wirtschaftspolitik in Lateinamerika stand unter folgenden Prämissen: Die Verfolgung einerimportsubstituierenden Industrialisierungsstrategie, die Durchsetzung sozialer Reformen sowie die Ausrichtung auf eine autozentrierte Entwicklung. Lateinamerika war ungewollt durch die Weltwirtschaftskrise teilweise vom Weltmarkt dissoziiert worden. Damit befand sich der Kontinent bis 1945 politisch und ökonomisch im “Auge des Orkans” – die USA und die verschiedenen Mächte Europas waren auf sich selbst konzentriert.Die mit der autozentrierten Ausrichtung einhergehenden populistischen Regime in Lateinamerika (Perón in ArgentinienCárdenas in MexikoVargas in Brasilien etc.) betrachteten sich im Zweiten Weltkrieg jedoch als Teil der Alliierten – 1941 erklärten die meisten Länder Lateinamerikas Deutschland den Krieg. Das Zögern mancher Länder (z. B. Argentinien) spiegelte nicht nur ideologisch-kulturelle Affinitäten wider, sondern auch neu geknüpfte Handelsbeziehungen ab Ende der 1930er Jahre.

Trotz eines binnenorientierteren Wirtschaftsmodells hatten sich in vielen Ländern Lateinamerikas die Handelsexporte wieder stabilisiert (v. a. bei kriegswichtigen Produkten wie Erdöl oder Kautschuk). Die Kombination von binnenorientierter Industrialisierung und der Re-Etablierung der Exporte brachte manche Länder im Jahre 1945 in eine günstige Ausgangssituation: Argentinien z. B. war schuldenfrei geworden, konnte die im britischen Besitz befindlichen Eisenbahnen zurückkaufen, hatte Infrastruktur und Industrie aufgebaut und befand sich auf dem gleichen Entwicklungsniveau wie Kanada. Der Weg schien frei für einen fortgesetzten Modernisierungsschub.

Die Handels- und Wirtschaftspolitik der USA während und nach dem Zweiten Weltkrieg schuf für Lateinamerika jedoch unvorteilhafte Rahmenbedingungen: In den 1930er Jahren und während des Weltkrieges hatten die USA eine Handelsoffensive gegenüber Lateinamerika gestartet, die darauf abzielte, Deutschland und Japan vom lateinamerikanischen Markt fern zu halten. Während die USA immer stärker auf Freihandel und privates Unternehmertum drängten, setzten sich die lateinamerikanischen Staaten vehement für Wirtschaftshilfen aus dem Norden, für Protektionismus und Beibehaltung staatlicher Unternehmen ein.

Die Finanzhilfe an Lateinamerika wurde weitgehend eingestellt, 1946–1950 betrug sie nur noch 2 % der gesamten US-Auslandshilfe.

Der fehlende Zugang zum Kapital erwies sich in den Nachkriegsjahren als zentrales Problem der lateinamerikanischen Länder, die am Nachkriegsaufschwung teilhaben wollten.

Die schwierige wirtschaftliche Lage Lateinamerikas unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich aus verschiedenen inneren und äußeren Elementen zusammen: An der Außenseite wirkten der erschwerte Zugang zu Kapital und die nicht erfolgte Wiederanbindung an den europäischen Exportmarkt behindernd. Auf der Innenseite wirkten nicht gelöste Strukturfragen (z. B. die Agrarfrage), der Kapitalmangel und die fehlende Diversifizierung der Produktion einem Modernisierungsschub entgegen. Vor diesem Hintergrund nahm ab 1948 die UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika ihre Arbeit auf.

5.1.2 Geschichte der CEPAL
Sitz der CEPAL in Santiago de ChileDie CEPAL, die Comisión Económica para América Latina, wurde 1948 als UN-Kommission in Santiago de Chile gegründet. Seit Mitte der 1980er Jahre hat sich ihr Zuständigkeitsbereich auf die Karibik erweitert.Ihre Aufgaben sind:

  • wissenschaftliche Analyse und Beobachtung der Entwicklungsprobleme und -prozesse in den lateinamerikanischen Ländern
  • Beratung von Regierungen und Ausbildungsangebote für Regierungsmitarbeiter
  • Förderung der lateinamerikanischen Integration

Die CEPAL avancierte zum Zentrum der entwicklungspolitischen Diskussion in Lateinamerika. Sie vermochte unter ihrem ersten Leiter Raúl Prebisch zu einem Anziehungspunkt für junge Fachleute und Wissenschaftler zu avancieren. Sowohl die Formulierung einer eigenen Entwicklungsvorstellung, des CEPALismo, als auch die Entstehung der Dependencia-Theorie (ab Mitte der 1960er Jahre) nahmen ihren Ausgang in Santiago de Chile.

Die Theoriediskussionen und Arbeiten der CEPAL gingen von Beginn an von einem politischen Selbstverständnis aus. Die Diskussionen stellten einen emanzipatorischen Praxis-Anspruch und sollten zur Überwindung der Unterentwicklung konkrete Beiträge liefern. Wie der Historiker Walter Bernecker feststellt: In Lateinamerika waren nach 1945 Theorien entstanden, “die stets mehr und etwas anderes waren als nur ‚Theorien von Theoretikern für Theoretiker .”

(Bernecker, Walther L.: Der “Cepalismo”: Eine regionale Wirtschaftstheorie und Entwicklungsstrategie. In: http://www.orient.uni-erlangen.de/kultur/papers/berneck.htm(13.01.03))

Die grundlegenden Prämissen der CEPAL können folgendermaßen umrissen werden:

  • Die (strukturalistisch ausgerichteten) Wirtschaftswissenschaftler und technokratischen Modernisierer der CEPAL formulierten eine Reformstrategie. Die Überwindung der Unterentwicklung sollte im Rahmen des bestehenden kapitalistischen Weltsystems vollzogen werden können.
  • Die politische Vision hinter den Arbeiten der CEPAL lautete: Es besteht ein Zusammenhang zwischen wohlfahrtsstaatlicher Entwicklung und Demokratie. Die Reformen sollten soziale Verbesserungen und wirtschaftlichen Aufschwung bringen.
5.1.3 Die inhaltlichen Vorschläge des CEPALismo
Der CEPALismo ist – dem politischen Selbstanspruch entsprechend – Entwicklungstheorie und konkretes wirtschaftliches Entwicklungskonzept zugleich.Der CEPALismo formulierte Reformstrategien, die sich grundsätzlich an einer Emanzipationsvorstellung orientierten. Unterentwicklung sollte jedoch innerhalb des Rahmens des bestehenden kapitalistischen Weltsystems überwunden werden. Sozial-revolutionäre und systemüberwindende Ideen, wie sie späterhin von einigen Vertretern der Dependencia-Schule vorgebracht wurden (z. B. Andre Gunder Frank), waren nicht Bestandteil des CEPALismo.

Die Reformvorschläge der Comisión Económica para América Latina (=CEPAL) zielten ab auf:

  • Beschleunigung und Vertiefung der importsubstituierenden Industrialisierung der 1930er und 1940er Jahre
  • Förderung struktureller Veränderungen im Innern der lateinamerikanischen Volkswirtschaften:
    • Agrarreform
    • Diversifizierung der Produktionsstruktur und der Konsumgüter
    • Exportförderung, vor allem Ausweitung des Marktes

Die Betonung der Agrarreform wies auf die größte strukturelle Erblast der Staaten Lateinamerikas hin: Die Landkonzentration, die Vertreibung kleinbäuerlichen Familien vom Land, der Landhunger verarmter Unterschichten sowie die Herausbildung eines Latifundium-Minifundium-Komplexes mit semi-proletarischen Landarbeitern. Das Ziel der Exportförderung mag angesichts der tendenziell eher autozentrierten Konzepte der CEPAL überraschen. Zu den Entstehungsbedingungen der CEPAL gehörte allerdings auch die Tatsache, dass die Wiederanknüpfung Lateinamerikas an eine Weltmarktanbindung wie vor der Weltwirtschaftskrise nicht gelungen war. Dies war zum Teil auf das neue Welthandelsregime unter der Vorherrschaft der USA zurückzuführen, welches die internationalen Handelsströme um die Achse USA-Europa zu konzentrieren trachtete.

Gesamt besehen stand der CEPALismo jedoch für den Abschied vom liberalen exportorientierten Wirtschaftsmodell (dem desarrollo hacia fuera). Er verlieh der seit den 1930er Jahren verfolgten autozentrierten Entwicklung (desarrollo hacia adentro) ihr theoretisches Fundament.

Das Ziel der CEPAL-Reformen war eine soziale Marktwirtschaft. In diesem Sinne ist der CEPALismo eine lateinamerikanische und eklektische Variante des Keynesianismus.

In Bezug auf die politischen Akteure schloss die CEPAL an die klassenübergreifenden und nationalistisch-konsensualen Vorstellungen der lateinamerikanischen Populismen an. Waren dort die Vorstellungen noch diffus, systematisierte die CEPAL die Idee des gesellschaftlichen Schulterschlusses unter dem Zeichen der Modernisierung. Dabei waren drei Akteure von besonderer Wichtigkeit: die Unternehmer, die Arbeiterklasse und der Staat.

“Das Konzept sollte durch eine Dreierallianz realisiert werden: Einheimische Unternehmer (die vielzitierte ‚nationale Bourgeoisie ), denen man hinter einer protektionistischen Zollmauer angemessene Profitraten in Aussicht stellte, schlossen sich mit der organisierten Arbeiterschaft, der Beschäftigung und steigende Löhne versprochen wurde, unter der Führung eines interventionistischen Staates zusammen, der wiederum die erforderlichen Marktbedingungen und die notwendige Infrastruktur schuf; erforderlichenfalls würde er auch selbst in die Industrie investieren, wenn die Privatinitiative nicht ausreichte. Explizit zurückgewiesen wurde das alte, aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert stammende Modell eines Wachstums auf der Grundlage des Exports von Primärgütern (desarrollo hacia afuera – ‚Wachstum nach außen ).

Dies war eine Art sozialdemokratisches Konzept, demzufolge die organisierte Arbeiterschaft und die Linke insgesamt in ein demokratisches System eingebunden sein würden. Und unabhängig von allen fortbestehenden Problemen im Arbeits- und Sozialbereich würde es über das Modell der ‚importsubstituierenden Industrialisierung eine Art Klassenkompromiß geben, der eine kontinuierliche Entwicklung gewährleisten sollte.”

(Bernecker, Walther L.: Der “Cepalismo”: Eine regionale Wirtschaftstheorie und Entwicklungsstrategie. In: http://www.orient.uni-erlangen.de/kultur/papers/berneck.htm(13.01.03))

Während viele der konkreten Reformvorschläge auch aus der europäischen Wirtschaftsdiskussion der Nachkriegszeit bekannt sind, leisteten die Vertreter der CEPAL vor allem bei der Antwort auf die Frage “Woher kommt die Unterentwicklung?” theoretische Pionierarbeit. Säulen dieser theoretischen Arbeit sind das Zentrum-Peripherie-Modell und die ungleichen Austauschverhältnisse zwischen Zentrum und Peripherie. Diese Prioritätensetzung knüpfe an die beiden Ökonomen Raúl Prebisch und Hans Walter Singer an.

5.1.4 Prebisch und Singer – zwei prägende Ökonomen des CEPALismo
Bei der Antwort auf die Frage “Warum Unterentwicklung?” stellten die Vertreter desCEPALismo zwei gängige Paradigmen der klassischen Ökonomie in Frage:1.) Erstens plädierten sie für eine historische Perspektive. Damit stellten sie sich gegen die Vorstellungen der Modernisierungstheorien, die Entwicklung als ahistorischen Prozess betrachteten, der jederzeit nachholbar wäre: Im Gegensatz dazu betonten die Vertreter des CEPALismo die Bedeutung der strukturellen Unterordnung Lateinamerikas seit der Kolonialzeit.

2.) Zweitens stellte Raúl Prebisch die klassisch-liberale Außenhandelstheorie in der Tradition von David Ricardo (1772–1823) in Frage. Dieser Theorie zufolge sei Handel immer dann für beide Länder vorteilhaft, wenn jedes Land sich auf jene Güter spezialisiert, die es relativ am kostengünstigsten produzieren kann (der sog. komparative Kostenvorteil).

Für seine Kritik brachte Prebisch zwei Elemente ein: Das Zentrum-Peripherie-Modell und die sich verschlechternden Austauschverhältnisse (terms of trade) zwischen Zentrum und Peripherie:

“Unter Zugrundelegung des Zentrum-Peripherie-Modells stellte Prebisch die These auf, der Handelsaustausch zwischen Industrie- und Entwicklungsländern verlaufe ungleich mit dem Ergebnis, daß vor allem die Länder des Zentrums davon profitierten. Ausschlaggebend dafür seien die terms of trade, die Austauschbeziehungen, die sich über längere historische Zeiträume hinweg zu Ungunsten der Peripherie entwickelt hätten. Prebisch entwickelte geradezu eine Theorie der ‚säkularen Verschlechterung der terms of trade , derzufolge die Preise der exportierten tropischen Rohstoffe langfristig fallen, während gleichzeitig die Preise für den Import industrieller Fertiggüter steigen, so daß sich die realen Austauschverhältnisse für die Entwicklungsländer ständig verschlechterten.”

(Bernecker, Walther L.: Der “Cepalismo”: Eine regionale Wirtschaftstheorie und Entwicklungsstrategie. In: http://www.orient.uni-erlangen.de/kultur/papers/berneck.htm(13.01.03))

Zeitgleich hatte der Ökonom Hans Werner Singer einen ähnlichen Zusammenhang zwischen dem Preisverfall der in den Entwicklungsländern produzierten Primärgüter und dem Preisanstieg der in den Industrieländern produzierten Fertiggüter beschrieben. Deswegen firmiert das Theorem der “säkularen Verschlechterung der terms of trade” auch unter dem Namen Prebisch-Singer-These (=PST).

Daneben steht die Prebisch-Singer-These auch für eine allgemeine (autozentrierte) entwicklungspolitische Doktrin. Diese Doktrin ist weitgehend von den Vorstellungen des Ökonomen John Maynard Keynes beeinflusst. Für Lateinamerika strebten Prebisch und Singer eine Entwicklung nach westlichem Vorbild an.

Der Faktor Produktivität galt für sie als nahezu ausschließlicher Maßstab für Entwicklung. In der Ursachenerklärung für die Unterentwicklung Lateinamerikas lassen sich jedoch kritische Elemente gegenüber den Industrieländern ausmachen.

down 5.1.4.1 Raúl Prebisch – Biographie
down 5.1.4.2 Hans Werner Singer – Biographie
Mitte der 1960er Jahre war die autozentrierte Entwicklungsstrategie desCEPALismo in eine Krise geraten. Die Importsubstitution hatte zwar in vielen Ländern Früchte gezeitigt – der Import von Fertigwaren konnte verringert werden. Kapitalgüter mussten jedoch nach wie vor importiert werden. Darüber hinaus hatten sich die Einkommensunterschiede vergrößert und die Armut der Unterschichten erhöht. Die auf der politischen Ebene erhoffte Metamorphose der agrarbesitzenden Oligarchien und der industriellen Bourgeoisien in moderne, dynamische Unternehmerklassen hatte sich als Illusion herausgestellt. Im Gegenteil: Der Widerstand der etablierten Oligarchien gegen die Forderungen der Industriearbeiterschaft und der landlosen Bauern sollte sich ab Ende der 1960er Jahre in der Etablierung rechtsgerichteter Militärdiktaturen widerspiegeln. Einer der tragenden Akteure einer nachholenden demokratischen Modernisierung – die besitzenden Klassen – hatte sich damit verweigert.Damit einher ging eine internationale Radikalisierung des politischen Diskurses (an dem die Dependencia-Theorie keinen geringen Anteil hatte). Diese Radikalisierung beschränkte sich nicht nur auf das intellektuelle Milieu. Die Strahlkraft derKubanischen Revolution, die Hoffnungen in die Guerilla, die Entstehung der 68er Bewegung, der Aufschwung sozialer Bewegungen – die Dependencia-Schule entstand als Produkt dieser Entwicklung und wurde schnell zu einem ihrer geistigen Akteure. Durch populär-narrative Darstellungen, wie Eduardo Galeanos “Die offenen Adern Lateinamerikas” (1971), erlangte die Dependenz-Theorie sogar Massenwirkung.

Die Dependenz-Theorie entstand unter einer Gruppe von Wissenschaftlern derComisión Económica para América Latina (=CEPAL). Ihr Leitbegriff, dieAbhängigkeit (dependencia), wurde zum Schlüssel für die Erklärung der Unterentwicklung. Der Historiker Andre Gunder Frank sprach dabei von der Entwicklung der Unterentwicklung. Diese wurde als historisches Produkt jahrhundertelanger Fremdeinwirkung betrachtet, die Lateinamerika in einer untergeordneten Funktion in die internationale Arbeitsteilung eingebunden habe. Ungleiche Handels- und Kapitalbeziehungen hätten die Abhängigkeit bis heute fortgesetzt und zu einem dauernden Mehrwert-Transfer von der Peripherie ins Zentrum geführt.

Wie an den Begriffen Peripherie und Zentrum zu erkennen, ist die Dependenz-Theorie zum Teil eine Weiterführung der Thesen des CEPALismo. Sowohl das Zentrum-Peripherie-Modell als auch die Analyse der sich verschlechternden terms of trade wurden übernommen. Zur Weiterführung dieses strukturalistischen Erbes trat die Wiederentdeckung marxistischer Interpretationen hinzu. Die Diskussionen um den Übergang des Feudalismus zum Kapitalismus (die Ökonomen Paul Sweezy und Maurice Dobb in den 1950er Jahren) und die Neo-Imperialismustheorien des Amerikaners Paul Baran flossen in die Analyse mit ein. Anti-Imperialismus bestimmte auch die politischen Forderungen der Dependencia-Vertreter.

Der Begriff “Dependencia-Schule” ist im Grunde irreführend. Unterschiedliche Autoren mit unterschiedlichen analytischen und politischen Akzenten bildeten dieseheterogene Strömung. Anhand welcher Kriterien die verschiedenen Dependencia-Autoren voneinander zu unterscheiden sind, darüber herrscht Uneinigkeit. Verkürzt gesagt, kamen in den Debatten zwei geistige Traditionen zum Tragen: das marxistische, kapitalismuskritische Element und das eher in der Tradition der CEPAL stehende strukturalistische. Ersteres verbindet sich mit einem expliziten und radikalen politischen Anspruch, Letzteres verbleibt bei der Analyse ökonomischer Strukturen und weiß kein klares politisches Projekt zu benennen.

Für diese (verkürzte) duale Darstellungsweise werden Andre Gunder Frankeinerseits und Fernando Henrique Cardoso andererseits immer wieder stellvertretend genannt.

down 5.2.1 Cardoso und Falleto – die gemäßigt strukturalistische Variante der Dependencia
down 5.2.2 Andre Gunder Frank – die radikal-politische Strömung der Dependencia 
5.2.1 Cardoso und Falleto – die gemäßigt strukturalistische Variante der Dependencia
Fernando Henrique Cardoso wurde als Präsident Brasiliens international bekannt (1994–2002).Seine erste (weniger bekannte) Karriere als Soziologe ist eng mit den entwicklungstheoretischen Debatten der 1960er und 1970er Jahre verbunden. Er verkörperte jenen Teil der Dependencia-Schule, die sich einerseits mit Begriffen wie Abhängigkeit, strukturelle Heterogenität und abhängige Entwicklung gegen die Modernisierungstheorien wandte. Andererseits konzentrierte sich Cardoso auf sektorale und fallspezifische Analysen. Die verschiedenen Kontexte und Dynamiken, in denen sich Entwicklung in Lateinamerika vollzieht, lassen in Cardoso Schriften das Bild eines komplex-interaktiven Prozesses entstehen.

Zusammen mit dem chilenischen Soziologen Enzo Falleto veröffentlichte er 1969 die Schrift “Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika”. Diese avancierte zum frühen Referenzwerk der Dependencia-Literatur.

Der partikular-differenzierte Ansatz stand den globalen und universalistischen Synthesen eines Andre Gundar Frank entgegen. Analoges gilt für die politischen Schlussfolgerungen: regionale oder sektorale Alternativen im Gegensatz zu pan-amerikanischer Gesellschaftstransformation.

Dieter Nohlen und Claudia Zilla beurteilen die Arbeit Cardosos und Falletos folgendermaßen:

“Ihre Theorie der Abhängigkeit bzw. abhängiger Entwicklung schrieb einerseits die ‚cepalinische Entwicklungssoziologie von José Medina Echavarría fort, andererseits verstand sie sich als Alternative zu Andre Gunder Franks marxistischer Theorie der Abhängigkeit. Thematisch handelte es sich um eine umfassende Analyse von Entwicklung, welche die Wachstumsprozesse der verschiedenen Länder des Subkontinents mit Struktur und Verhalten der sozialen Klassen sowie mit den Machtstrukturen verband und so den politischen Charakter ökonomischer Transformationsprozesse in den Mittelpunkt stellte.

[…]

Cardoso/Faletto wenden sich nicht nur kritisch gegen Franks These von der ‚Entwicklung der Unterentwicklung , sondern auch gegen die These der ‚strukturellen Aufrechterhaltung der Unterentwicklung von Raúl Prebisch. Vielmehr müssen – neben ‚den perpetuierenden strukturellen Mechanismen – ‚die widersprüchlichen Ergebnisse des Entwicklungsprozesses selbst und die Möglichkeiten der Negation der bestehenden Ordnung berücksichtigt werden.

[…]

Cardosos Entwicklungstheorie wird üblicherweise der Dependencia zugeordnet, also einem der beiden Großparadigmen, die bis in die 80er Jahre das entwicklungstheoretische Spektrum ausfüllten. Doch weist Cardoso mit seinem multidimensionalen, kontextsensiblen und historisch differenzierten Ansatz über die Dependencia und die dem Gegensatz der Entwicklungsparadigmen zugrundeliegenden Annahmen weit hinaus. Besonders augenfällig wird dies im Schlusskapitel von Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika , worin Cardoso und Faletto keine allgemeinen Schlussfolgerungen ziehen, sondern Anmerkungen und Überlegungen methodologischer und konzeptioneller Natur bieten. Sie verweigern sich folglich theoretischen Ergüssen in der Form jener Erklärungen und Empfehlungen universalistischen Anspruchs, wie sie für die zwei Großtheorien seinerzeit üblich waren.”

(Nohlen, Dieter/Zilla Claudia: Fernando Henrique Cardoso (*1931) Abhängigkeit und Entwicklung in Lateinamerika. In: http://www.dse.de/zeitschr/ez1000-8.htm (13.01.03))

noneFernando Henrique Cardoso, Quelle: Brazilian Embassy in London (http://www.brazil.org.uk/page.php?cid=1125)

5.2.2 Andre Gunder Frank – die radikal-politische Strömung der Dependencia
Andre Gunder Frank (1929– ) ist einer der radikalsten und prominentesten Vertreter der Dependenz-Theorie. Des öfteren wird er auch als deren eigentlicher Begründer bezeichnet. Seine Analyse greift in hohem Maße auf marxistische Diskussionen zurück. Sein Denken ist einer Philosophie der politischen Praxis verpflichtet.Franks Rolle bewertet Wolfgang Hein folgendermaßen:

“Seine Hauptthesen über Unterentwicklung und Weltsystem spielten eine katalysatorische Rolle in der lateinamerikanischen Diskussion, die prägnante Formulierung seiner Thesen sorgte für rasche Verbreitung. Wichtig waren dabei die Zuspitzung und die illustrative Art seiner Darstellung und die Klarheit seiner politischen Aussagen.”

(Hein, Wolfgang: Andre Gunder Frank (1929– ). Metropolen, Satelliten und das Weltsystem. In: http://www.dse.de/zeitschr/ez300-8.htm (13.01.03))

Im Jahre 1967 legte Frank jene Schrift vor, welche der dependenztheoretischen Debatte als wichtigstes Referenzwerk dienen sollte:

Frank, Andre Gunder (1967, revised ed. 1969): Capitalism and Underdevelopment in Latin America. Monthly Review Press: New York (deutsch: Frank, Andre Gunder (1969): Kapitalismus und Unterentwicklung in Lateinamerika. Europäische Verlagsanstalt: Frankfurt a. Main)

Frank interpretierte die Lage in Lateinamerika als Produkt historisch entstandener Abhängigkeitsstrukturen, als Entwicklung der Unterentwicklung:

“Die jetzt entwickelten Länder waren niemals unterentwickelt, auch wenn sie unentwickelt gewesen sein mögen. […] Die historische Forschung zeigt […], dass die zur Zeit stattfindende Unterentwicklung zum großen Teil das historische Produkt der vergangenen und andauernden wirtschaftlichen und anderen Beziehungen zwischen den unterentwickelten Satelliten und den jetzt entwickelten Metropolen ist.”

(Frank, Andre Gunder: Die Entwicklung der Unterentwicklung, In: Frank, Andre Gunder u. a. (1969): Kritik des bürgerlichen Anti-Imperialismus. Wagenbach: Berlin: 31f)

Indem Frank das Begriffspaar Zentrum-Peripherie durch Metropole-Satellitersetzte, akzentuierte er stärker die funktionale Bedeutung der abhängigen Länder für die Metropolen – von den Satelliten kommt es zu einem surplus-Transferzugunsten der Metropolen, welcher deren Entwicklung ermöglicht. In diesem Sinne gibt es für Frank drei Widersprüche in der kapitalistischen Weltwirtschaft:

“– Die Enteignung/Aneignung von ökonomischem Surplus: Anknüpfend an die Arbeiten des marxistischen Wirtschaftswissenschaftlers Paul Baran betont Frank die Existenz eines ständigen Surplus-Transfers von den letzten Satelliten über die abhängigen Metropolen in die Hauptmetropolen des Weltsystems, vermittelt über die monopolistischen Strukturen des kapitalistischen Weltmarkts.

– Der Widerspruch der Metropolen-Satelliten-Polarisierung: Den Satelliten wird im Rahmen des weltkapitalistischen Systems ständig investierbarer Surplus entzogen, der den Metropolen als Grundlage ihres Wachstums zur Verfügung steht. So sind wirtschaftliche Entwicklung und Unterentwicklung zwei Seiten einer Medaille, wobei die einheimische Wirtschaft des Satelliten mit der gleichen kapitalistischen Struktur und ihren fundamentalen Widersprüchen ‚imprägniert wird: Die Metropolen-Satelliten-Beziehungen bestehen also nicht nur auf internationaler Ebene, sondern ebenso innerhalb von Nationen.

– Kontinuität im Wandel: Auch wenn sich das kapitalistische Weltsystem im Laufe seiner historischen Entwicklung wandelt, reproduzieren sich die Grundstrukturen der Metropolen-Satelliten-Beziehungen immer wieder. Dabei erfahren die Satelliten eine ökonomische Entwicklung, die dem klassischen Kapitalismus dann am nächsten kommt, wenn ihre Bindungen an ihre Metropolen am schwächsten sind. Aber wenn die jeweiligen Metropolen sich von ihren Krisen erholen und durch eine neue Expansion der Handels- und Investitionsbeziehungen die Satelliten wieder völlig in das System integrieren, brechen diese Ansätze wieder in sich zusammen. Frank verweist auf die Krise der wirtschaftlichen und vor allem sozialen Entwicklung gerade der modernen Stadtregionen von Buenos Aires und São Paulo als Folge der seit Kriegsende wieder verstärkten Beziehungen zwischen diesen lokalen Metropolen und den Weltmetropolen.”

(Hein, Wolfgang: Andre Gunder Frank (1929– ). Metropolen, Satelliten und das Weltsystem. In: http://www.dse.de/zeitschr/ez300-8.htm (13.01.03))

down 5.2.2.1 Entwicklungsblockaden im Inneren – die Lumpenbourgeoisie
down 5.2.2.2 Zur Biographie Franks
5.2.2.1 Entwicklungsblockaden im Inneren – die Lumpenbourgeoisie
Von besonderer Bedeutung ist Franks politische Analyse der im 20. Jahrhundert bestehenden Möglichkeiten von Entwicklung. Hier verlagert sich der (für die Dependenz-Theorie typische) Blick von den äußeren Faktoren der Unterentwicklung auf die inneren Hindernisse von Entwicklung. Den Grund für die endogenen Entwicklungsblockaden sieht Frank in den Interessen und Haltungen derlateinamerikanischen Bourgeoisien. Sie sind ökonomisch den Interessen der metropolitanen Bourgeoisien untergeordnet und begehren gegen jede strukturelle Modernisierung (z. B. Landreformen) auf. Mit ihnen ist weder Staat noch Entwicklung zu machen. In Anlehnung an den Begriff des Lumpenproletariats nannte Frank dieses Form des lateinamerikanischen Bürgertums Lumpenbourgeoisie. Deshalb optierte Frank für eine gesellschaftsverändernde (sozialistische) Entwicklungsalternative.Unter Rückgriff auf die Theorie der Permanenten Revolution von Leo Trotzki (1879–1940) wendete sich Frank damit gegen die seit der Stalinisierung von den kommunistischen Parteien vertretene Doktrin der Etappen: Danach sollten die Länder Lateinamerikas in einem Bündnis von Arbeitern, Bauern und “fortschrittlicher Bourgeoisie” bzw. “nationalem Bürgertum” zuerst eine kapitalistische Modernisierungsphase durchlaufen. Eine soziale Revolution könne erst nach Absolvieren dieser Etappe anvisiert werden.

Diesen (in der deutschsprachigen Diskussion wenig beachteten) Aspekt seiner Arbeit präzisierte Frank besonders in seiner Schrift Lumpenbourgeoisie et Lumpendévelopment (englisch: Frank, Andre Gunder (1972): Lumpenbourgeosie: Lumpendevelopment. Monthly Review Press: New York).

Den Zusammenhang von Abhängigkeit und internen Klassenstrukturen fasst er dabei vor dem Hintergrund der historischen Genese folgendermaßen zusammen:

“1) Die Conquista plazierte ganz Lateinamerika in eine Position wachsender Subordination und wirtschaftlicher Abhängigkeit kolonialer und neokolonialer Form gegenüber dem einheitlichen Weltsystem des expandierenden Handelskapitalismus.

2) Diese Beziehung hat die Wirtschafts- und Klassenstrukturen und selbst die Kultur im Herzen der lateinamerikanischen Gesellschaft geformt und transformiert. Diese nationale Struktur transformiert sich somit in Funktion der periodischen Veränderungen der Formen kolonialer Abhängigkeit.

3) Diese Struktur bestimmt sehr direkt die Klasseninteressen des dominanten Teils der Bourgeoisie. Indem sie sich die Regierungsorgane und andere Instrumente des Staates zunutze macht, produziert dieser Teil der Bourgeoisie für die lateinamerikanische ,Nation und das lateinamerikanische Volk Politiken der Unterentwicklung im ökonomischen, sozialen, kulturellen und politischen Bereich” (zit. nach: Hein, Wolfgang: Andre Gunder Frank (1929– ). Metropolen, Satelliten und das Weltsystem. In: http://www.dse.de/zeitschr/ez300-8.htm (13.01.03))

5.2.2.2 Zur Biographie Franks
Andre Gunder FrankFrank wurde 1929 als Sohn des radikal-pazifistischen Schriftstellers Leonhard Frank in Berlin geboren. 1933 emigrierte die Familie und lebte schließlich ab 1940 in den USA. 1968 bis 1973 war er Professor für Soziologie und Ökonomie an der Universidad de Chile in Santiago, 1978 bis 1983 Professor of Development Studies an der University of East Anglia (Norwich, England). In den Jahren 1981 bis 1994 hielt Frank den Lehrstuhl für Entwicklungsökonomie und Sozialwissenschaften an der Universität von Amsterdam. Momentan ist er Senior Fellow am World History Center derNortheastern University in Boston.Seit den 1980er Jahren hat er sich der Weltsystemtheorie zugewandt, wo er mit der These, das gegenwärtige Weltsystem bestehe bereits seit 5000 Jahren, für Aufsehen sorgte. In seiner letzten Monographie ReORIENT. Global Economy in the Asian Ageaus dem Jahre 1998 vertrat er die These, dass der Schwerpunkt des Weltsystems in Vergangenheit und Zukunft in Asien liegt – eine bis zum Ausbruch der Asienkrise 1997 durchaus verbreitete Ansicht.

Internet-Link zu Andre Gunder Frank: http://csf.colorado.edu/agfrank

5.3 Immanuel Wallerstein und die Weltsystemtheorie – die Erweiterung zum globalen Blick
Die Impulse der Dependenztheorie und die Gedanken Andre Gunder Franks flossen auch in die Formulierung der Weltsystemtheorie Immanuel Wallersteins (1930– ) ein. Daneben spielt das Werk des französischen Historikers Fernand Braudel (1902–1985) eine wesentliche Rolle in den Gedanken Wallersteins. Die dritte wichtige Quelle für Wallersteins Weltsystemtheorie ist der Marxismus.Immanuel Wallerstein forschte ursprünglich als Afrikanist und Kolonialhistoriker. Mit den bisher erschienenen drei Bänden des Modern World System legte er anhand einer historischen Darstellung den Referenzrahmen für die Debatte um die Weltsystemtheorie vor.

Immanuel Wallerstein vollzieht in der Diskussion um die Frage “Warum Unterentwicklung?” einen Perspektivenwechsel. Vor dem Hintergrund einer polit-ökonomischen Analyse wählt er einen weltweiten und historisch umfassenden Blick, der die Herausbildung des Kapitalismus als globales Phänomen ins Auge fasst.

Das kapitalistische Weltsystem bildete sich im langen 16. Jahrhundert (1450–1640) in Europa heraus. Ohne die europäische Expansion wäre diese Entwicklung nicht möglich gewesen. Die Expansion des kapitalistischen Weltsystems bedeutet die fortschreitende Aneignung von Natur, Räumen, Ressourcen und Menschen und deren Unterwerfung unter die Logik der Kapitalakkumulation (Kommodifizierung).

Wallersteins Analyse konzentriert sich weniger auf die Produktionsverhältnisse (Arbeitsorganisation, Ausbeutungsformen etc.) als auf den Austausch, d. h. den Welthandel und seine asymmetrischen Strukturen. Diese asymmetrischen Strukturen spiegeln sich in der Hierarchie der Staaten wider, die sich in Zentren,Semiperipherien und Peripherien gruppieren. Die Länder des Zentrums und der Peripherie sind relativ stationär, d. h. sie verharren in ihrer (über- bzw. untergeordneten) Stellung in der internationalen Arbeitsteilung. Die Semiperipherien verkörpern hingegen das bewegliche Element. Der Auf- und Abstieg dieser Länder lässt sich am Beispiel der so genannten Schwellenländer illustrieren.

Das Auffüllen der Begriffe Zentrum, Peripherie und Semiperipherie mit empirischem Material nimmt einen wichtigen Platz in den Diskussionen um die Weltsystemtheorie ein, wobei Auf- bzw. Abstiegsentwicklungen einzelner Länder genauso untersucht werden, wie die Abfolge von Hegemonialmächten (z. B. die Ablöse Großbritanniens im 20. Jahrhundert durch die USA). Darüber hinaus bestehen Zentrum-Peripherie Beziehungen innerhalb der Länder des Zentrums und der Peripherie bzw. innerhalb eines einzelnen Landes (z. B. der strukturelle Unterschied zwischen Stadt und Land in den Ländern der Peripherie). In Wallersteins Untersuchung zur Geschichte der Neuzeit fungieren die Länder Nordwesteuropas (England, Frankreich, Holland) als klassische Zentrumsbeispiele, Lateinamerika nach dessen Eroberung oder Polen (Agrarexportland unter andauernder Fremdherrschaft) als Beispiele peripherer Länder. Länder wie Spanien und Portugal hingegen gelten als Prototypen der Semiperipherie, da sie trotz ihrer Rolle als Kolonisatoren nicht in der Lage waren, einen eigenen Kapitalkreislauf über einen produktiven Sektor aufzubauen.

5.3.1 Zyklen im Weltsystem
In der Weltsystemtheorie spielt die Frage des zyklischen Verhaltens des Weltsystems eine wichtige Rolle. Diese Diskussion geht auf die Theorie der Langen Wellen des russischen Ökonomen Nikolai Kondratieff (1892–1938) zurück. Kondratieff beschrieb dabei langfristige Aufschwungs- und Abschwungsphasen, die einen stabilen Zyklus von ca. 60 Jahren umfassen. In den Untersuchungen der Weltsystemtheorie steht vor allem die empirische Überprüfbarkeit derartiger zyklischer Formationen im Zentrum der Aufmerksamkeit. Darüber hinaus stellt sich die Frage, welche Faktoren derartige Zyklen bestimmen (ökonomisch oder politisch). Diese zyklische Sichtweise geht freilich nicht von einer Wiederholungslinie, sondern von einer komplexen Entwicklungsdynamik aus.
5.3.2 Kritik an der Weltsystemtheorie
Immanuel WallersteinDie Kritik an Wallersteins Ansatz knüpft an verschiedenen Punkten an: Erstens wird ihm die Überbewertung von Handel, (ungleichem) Austausch und den Außenbeziehungen bei Entwicklung und die Unterbewertung von Produktionsverhältnissen, Arbeitsorganisation und sozialen Beziehungen vorgeworfen. Es sei die Untersuchung der “Binnenstruktur” des Kapitalismus, die bei ihm ins Hintertreffen gerate. Zweitens wird der Vorwurf erhoben, dass mit dem Weltsystems ein hypertrophes, deterministisches und mit Eigenleben versehenes Wesen gedacht wird, das politischen Prozessen zu wenig Spielraum lässt.Trotz aller Kritik: die Weltsystemtheorie verkörpert heute die wichtigste Alternative zu den Modernisierungstheorien, bildet das Fundament für kritische Globalisierungstheorien und bietet eine Grundlage für theoriegeleitete und global ausgerichtete historiographische Untersuchungen.

Das institutionelle Zentrum der Weltsystemtheorie ist das von Immanuel Wallerstein begründete Fernand Braudel Center for Study of Economies, Historical Systems, and Civilizations an der Binghamton University (State of New York)

Internet-Link: http://fbc.binghamton.edu/

5.3.3 Die Theorie des kapitalistischen Weltsystems im O-Ton
Die Theorie des kapitalistischen Weltsystems im O-TonHier eine prägnante Zusammenfassung der Charakteristika des Weltsystems von Wallerstein selbst:

“a) The modern world-system is a capitalist world-economy, which means that it is governed by the drive for the endless accumulation of capital, sometimes called the law of value.

b) This world-system came into existence in the course of the sixteenth century, and its original division of labor included in its bounds much of Europe (but not the Russian or Ottoman Empires) and parts of the Americas.

c) This world-system expanded over the centuries, successively incorporating other parts of the world into its division of labor.

d) East Asia was the last large region to be incorporated, and this occurred only in the middle of the nineteenth century, after which moment however the modern world-system could be said to have become truly worldwide in scope, the first world-system ever to include the entire globe.

e) The capitalist world-system is constituted by a world-economy dominated by core-peripheral relations and a political structure consisting of sovereign states within the framework of an interstate system.

f) The fundamental contradictions of the capitalist system have been expressed within the systemic process by a series of cyclical rhythms, which have served to contain these contradictions.

g) The two most important cyclical rhythms are the 50–60 year Kondratieff cycles in which the primary sources of profit alternate between the sphere of production and the financial arena, and the 100–150 year hegemonic cycles consisting of the rise and decline of successive guarantors of global order, each one with its particular pattern of control.

h) The cyclical rhythms resulted in regular slow-moving but significant geographical shifts in the loci of accumulation and power, without however changing the fundamental relations of inequality within the system.

i) These cycles were never perfectly symmetrical, but rather each new cycle brought about small but significant structural shifts in particular directions that constitute the secular trends of the system.

j) The modern world-system, like all systems, is finite in duration, and will come to an end when its secular trends reach a point such that the fluctuations of the system become sufficiently wide and erratic that they can no longer ensure the renewed viability of the system s institutions. When this point is reached, a bifurcation will occur, and via a period of (chaotic) transition the system will come to be replaced by one or several other systems.”

(Wallerstein, Immanuel: The Rise of East Asia, or The World-System in the Twenty-First Century. In: http://fbc.binghamton.edu/iwrise.htm (13.03.03))

 

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