Wie schwach Afrikas Staaten gegenüber ihren früheren Kolonialbesetzern noch sind, zeigt Nigeria: Wikileaks-Veröffentlichungen zeigen, dass der Ölkonzern Shell in allen Ministerien sitzt und die Dinge beeinflussen kann. Trotz hoher Öl-Einkünfte leben die meisten Nigerianer in Armut. Jean Ziegler: “Das Land war nie wirklich souverän. Heute ist es eine ohnmächtige Beute von Shell, BP, Total, Exxon, Texaco und anderen Plünderern. Und 70 Prozent seiner Bevölkerung vegetiert in unsagbarer Armut dahin.”

Aus Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen
http://www.langelieder.de/lit-ziegler09.html

Der vierte Teil beschäftigt sich mit dem symptomatischen Schicksal Nigerias. Denn das bevölkerungsreichste Land Afrikas, das zugleich eines der reichsten der Welt ist, wird heute regelmäßig von den Beutejägern des Weltwirtschaftskriegs geschröpft.

 

Nigeria, der größte Erdölförderer Afrikas und der achte weltweit, wird seit 1966 von einer Reihe aufeinanderfolgender Militärjuntas regiert. Das Land war nie wirklich souverän. Heute ist es eine ohnmächtige Beute von Shell, BP, Total, Exxon, Texaco und anderen Plünderern. Und 70 Prozent seiner Bevölkerung vegetiert in unsagbarer Armut dahin. Natürlich ist diese Realität ein idealer Nährboden für den Hass auf den Westen.

Shell in Nigeria – “Sie wissen alles”

Neue Wikileaks-Veröffentlichung zeigen, wie tief verwurzelt der weltgrößte Öl-Konzern Shell in Nigerias Politik ist. Shell soll in “allen Ministerien” sitzen und deshalb so gut informiert sein, dass die USA dafür sogar militärisches Wissen eintauschen.

Von Malte Conradi

Es gab drängende Fragen zu klären, als Ann Pickard sich im September 2008 mit US-Diplomaten in der nigerianischen Hauptstadt Abuja traf. Sie habe erfahren, sagte die Topmanagerin des Energieriesen Shell beunruhigt, dass der russische Konkurrent Gazprom einen Vertrag mit der nigerianischen Regierung abgeschlossen habe.

Trotz hoher Öl-Einkünfte leben die meisten Nigerianer in Armut. Das Energieunternehmen Shell fürchtet in dem wichtigen Fördergebiet offenbar vor allem Rebellenangriffe sowie neue Konkurrenten aus China und Russland.

(Foto: AP)

Die Abmachung beinhalte unter anderem die Zusage, dass Gazprom etwa ein Zehntel der gesamten Gasreserven Nigerias ausbeuten dürfe. Dieser Deal könne nur umgesetzt werden, so Pickard weiter, wenn die Regierung des westafrikanischen Landes anderen Energieunternehmen – darunter Shell – Gas-Konzessionen abnehme. Um ihr Geschäft zu verteidigen, bat Pickard die Diplomaten um “potentiell sensible Informationen” über den Rivalen Gazprom.

So soll es zumindest laut der britischen Zeitung The Guardian gewesen sein, die wiederum aus Wikileaks-Dokumenten zitiert, zu denen sie vor ihrer Veröffentlichung Zugang erhielt.

Geheiminformationen von Shell

Demnach kabelte die amerikanische Botschaft in Abuja mehrfach Berichte nach Washington, aus denen hervorgeht, wie tief Shell die nigerianische Regierung infiltriert hat. Nigeria ist der größte Erdölexporteur Afrikas und liefert acht Prozent aller amerikanischen Öl-Importe. Kritiker werfen Shell seit Jahren vor, für schwere Umweltzerstörungen im Nigerdelta verantwortlich zu sein.

Bei einem weiteren Treffen im Herbst 2009 soll Pickard US-Vertretern neue “Geheiminformationen” präsentiert haben: Diesmal habe die nigerianische Regierung chinesische Firmen aufgefordert, sich um Konzessionen zur Ölförderung zu bemühen. Wieder war Pickard beunruhigt. Zwar habe die nigerianische Regierung dementiert, doch Shell wisse es besser.

Ministerien infiltriert

Das Unternehmen habe schon vor Jahren Mitarbeiter in allen wichtigen Ministerien installiert. So sei Shell jederzeit über alle politischen Vorhaben und Entscheidungen in dem ölreichen Land informiert. “Sie wissen alles”, sollen dieDiplomaten berichtet haben. Managerin Pickard soll laut Guardian vor den Diplomaten sogar damit geprahlt haben, dass die nigerianische Regierung offenbar vergesse habe, wie tief sie von Shell infiltriert sei.

Die Informationen von Shell waren offenbar so gut, dass das Unternehmen in einen Tauschhandel mit den US-Vertretern eintreten konnte. Der Guardianberichtet, dass Pickard bei einem weiteren Treffen die Namen von Politikern nannte, die für Unruhen in Lagos verantwortlich sein sollten.

Im Gegenzug soll sie Nachhilfeunterricht in Militärtechnik verlangt haben: Laut Shell-Informationen hätten Rebellen bis zu drei Boden-Luft-Raketen ins Nigerdelta geschafft, wo Shell seine Ölförderung betreibt. “Sie wollte wissen, wie lange so sensible Waffensysteme unter den rauen Umweltbedingungen im Delta wohl überleben würden”, zitiert der Guardian aus den Wikileaks-Dokumenten.

Rebellengruppen im Nigerdelta gelingt es immer wieder, mit Sabotageakten und Geiselnahmen Shells Geschäften schweren Schaden zuzufügen.

Furcht vor Informationslecks

Doch die Auskunftsfreude des Energieriesen hatte auch ihre Grenzen. Mehrfach soll Shell-Managerin Pickard US-Diplomaten Auskünfte verweigert haben. Ihre aus heutiger Sicht prophetische Begründung laut Guardian: Die Regierung derUSA sei anfällig für Informationslecks. “Sie fürchtet wahrscheinlich, dass schlechte Nachrichten über Shells Tätigkeit in Nigeria an die Öffentlichkeit gelangen”, kabelten die Diplomaten nach Washington.

http://www.sueddeutsche.de/politik/wikileaks-shell-in-nigeria-sie-wissen-alles-1.1034143

 

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